Nachruf auf Karl Saiger, Rotachmühle Wilhelmsdorf (1921 - 2017)

Mittwoch, 26 April 2017.

Nachruf auf Karl Saiger, Rotachmühle Wilhelmsdorf (1921 - 2017)

Dr. Lutz Dietrich Herbst, Ummendorf

Abschied vom Methusalem der Müller im Bodenseegebiet
Ein Nachruf auf Karl Saiger, Rotachmühle Wilhelmsdorf (1921 - 2017)

Wer könnte nun älter sein - der geduckte Mann, der auf unser Läuten hin neugierig die Tür öffnet oder das Haus, ähnlich geduckt unter einem mächtigen Krüppelwalm-dach mit seinen vielen kleinen Sprossenfenstern? Gewiss - der Bau stand schon dort, als nebendran pietistische Pioniere dem Sumpf des Pfrunger Riedes ihre neue Heimat abtrotzten. Das Keuchen der beiden Wasserräder versetzte diese nicht in Angst und Schrecken. Von Moorgeistern und Irrlichtern, die dem einen oder anderen im Umfeld der kleinen Rotach begegneten, ließen sich die gottesfürchtigen Siedler aus dem schwäbischen Unterland ohnehin nicht beeindrucken. Die Gottesfurcht, ausgedrückt durch Genügsamkeit, Gastfreundlichkeit und Offenheit gegenüber Fremden teilten sie beide bis zuletzt: die Wilhelmsdorfer Brüder und ihre Nachfahren jenseits des jungen Bodenseezuflusses und Karl Saiger, der letzte Müllermeister diesseits in der Rotachmühle. Ursprünglich gehörte der riesige alte Bau den Benedik-tinern von Weingarten. Und wer nach Auflösung von deren Kloster 1803 eine ihrer vielen Mahl- oder Sägemühlen übernahm, war deren Lebensregeln durchaus zuge-tan. Darum lernte auch der junge Karl Saiger sein Handwerk bei Zorells in der Ober-amtsstadt Ravensburg. In einer Zeit, in der mancher Müller seine Verehrung des politischen Führers deutlich zum Ausdruck brachte, besann man sich in der Gänsmühle alter familiärer Werte. Etwa einmal im Jahr nach Maria Einsiedeln in die Schweiz zu wallfahren, um dort für den geschäftlichen Erfolg der Mühle zu danken. Die Frau des Seniors hatte ein Gelübde abgelegt, aller Eitelkeit zu entsagen, hatte die junge Kunstmühle Zorell doch anfangs noch mit großen Schulden zu kämpfen. Der unter der Mühle hinziehende Bach bot der Lehrherrin immer wieder Gelegenheit, den Lehrbuben auf biblische Sachverhalte hinzuweisen. Derart geprägt führte dann auch Karl Saiger als Müllermeister die Rotachmühle Esenhausen fort. Mit der Folge, dass er sich mit dem begnügte, was ihm unter den sich verändernden Gegebenheiten nach dem Kriege beschieden war. Und so wurde er Müller einer maschinellen Komposition, die bereits ab 1960 nach und nach unter Denkmalschutz gestellt wurde: der einzigartige Außenelevator zum Beispiel oder der Schrotstuhl von Escher-Wyss aus dem Jahre 1870, der hölzerne Aquädukt zum Wasserrad und die vielen anderen Maschinen ebenso. Karl Saiger überlebte in sei-ner Genügsamkeit alle Konkurrenten der Umgebung. Selbst die moderne Reichertsche Motormühle oben an der Straße nach Ravensburg. Mochten auch starke Fröste sein letztes Rad wochenlang zum Stillstand verdammen. Wer auch immer ihn besuchte in den letzten Jahren, konnte sich des Eindrucks nicht entziehen, Karl Saiger stünde ebenfalls unter Denkmalschutz. Nahezu 90jährig bot er seinen Kunden immer noch Mehl, Gries und Kleie oder Dinkelspelz für die Bettwä-sche an. Telefonierte zur Weihnachtszeit die Müller im Oberland an, um sie mit ei-nem ehrlichen „Glück zu!“ zum Durchhalten zu ermutigen. Er, der von den Lasten seines Berufes gebeugte alte Müller, verstand es, andere Menschen aufzurichten. Und wenn es sein Herrgott so für ihn erdachte, auch noch mit 94 Jahren: da führte er uns abermals durch sein Reich in der Abgeschiedenheit des Bodenseehinterlandes. Deutlich gezeichnet von den Gebrechen des Alters, mit Krücken im Halbdunkel der verschiedenen Stockwerke, stets um das Wohlergehen und den Wissenszuwachs seiner Besucher bedacht. Nun verstarb er leise, der letzte Müller der 800jährigen Rotachmühle, in seinem 97. Lebensjahr. Wir verneigen uns vor diesem beeindruckenden Mann und seinem außergewöhnlichen Lebenswerk!

Karl Saiger im April 2013 in seiner Rotachmühle. Bild: Schreiber